Weltweit gehören Rettungs- und Löscheinsätze unter schwerem Atemschutz zu den gefährlichsten Aufgaben einer Feuerwehr. Immer wieder geschehen dabei auch schwere Unfälle, teilweise mit tödlichen Verletzungen. In der Feuerwehr-Dienstvorschrift FwDV 7 – Atemschutz ist geregelt, dass bei einem Atemschutzeinsatz mindestens ein Sicherheitstrupp, bestehend aus zwei Atemschutzgeräteträgern, bereitstehen muss.
Eine der ersten Feuerwehren in Deutschland war die Berliner Feuerwehr, welche eine solche Spezialeinheit aufgestellt hat. Diese nannten sie Atemschutz-Notfall-Trainierte-Staffel (A.N.T.S.).
Wir möchten hier erläutern wie dieses System in Rodgau, also einer freiwilligen Feuerwehr mit mehreren Standorten, funktioniert.

Feuerwehr Rodgau

Die Stadt Rodgau liegt eingebettet im Landkreis Offenbach, welcher zur Metropolregion Rhein-Main gehört. Umgeben ist die kreisgrößte Stadt mit rund 46.000 Einwohnern von den Städten Frankfurt, Offenbach und Hanau. Die stark frequentierte BAB 3 und die B 45 laufen durch das Stadtgebiet, ebenso wie eine Linie der S-Bahn.
Die freiwillige Feuerwehr Rodgau gliedert sich auf in die Standorte Nord, dem als Zusatzaufgabe der Gefahrgutersteinsatz obliegt, Mitte, der für die schwere technische Hilfeleistung zuständig ist, und Süd, welcher mit zusätzlichem Material und Gerät bei größeren Brandbekämpfungen unterstützt sowie die Wasserrettung am städtischen Badesee übernimmt. Derzeit leisten etwa 200 Einsatzkräfte ehrenamtlichen Dienst. Wochentags werden diese Kräfte von 7:00 bis 16:00 Uhr personell durch die Stabsstelle Feuerwehr unterstützt, welche im Standort Mitte untergebracht ist.

Ausbildung Atemschutz

Seit 2006 sind alle Standorte einheitlich auf einen Atemschutzgerätetyp umgestellt. Nach mehreren Trageversuchen einigte man sich auf den Typ AirMAXX® von MSA, mit einem am Manometer angefügtem Adapter, welcher die Möglichkeit zum Anschließen eines zusätzlichen Lungenautomaten bietet. Die Atemschutzmasken sind vom Typ Ultra Elite PF-ESA®, ebenfalls von MSA.
Sensibilisiert durch die öffentliche Berichterstattung über vermehrt aufgetretene tödliche Atemschutzunfälle im Bundesgebiet machten sich die Verantwortlichen ab 2007 Gedanken über eine einheitliche Ausbildung zu Atemschutznotfällen. Hierzu besuchten die Ausbilder im Januar 2007 einen Kongress der Betreiber des Webportals atemschutzunfaelle.eu.
Ein Jahr später starteten die Rodgauer ihr Atemschutz-Notfall-Training für alle Standorte. Zwei Jahre später erweiterten die Atemschutzausbilder ihr Konzept um eine weitere Komponente: Die Zentrale-Atemschutz-Fortbildung. Hierbei wurden und werden bis heute alle Atemschutzgeräteträger einheitlich nach den Vorgaben der FwDV 7 ausgebildet. Im Nachgang des Besuchs der 1. und 2. Hamburger Atemschutztage wurden weitere Erfahrungen in das Ausbildungskonzept eingebracht. Wie z.B. der bei der Feuerwehr Zürich eingesetzte Blindenstock, der zum schnellen abtasten und absuchen von verdunkelten Räumen dient. Die Erfahrung der Ausbilder aus Rodgau wurde schließlich auch in den Nachbarkommunen und bei einer, in der Stadt angesiedelten, Betriebsfeuerwehr in Anspruch genommen.

Ein neues Konzept: Atemschutz-Notfall-Trainierte-Staffel

Bereits früh wurde die Problematik erkannt, dass nicht jeder Sicherheitstrupp gleichwertig agiert, bzw. eine Unfalllage in den Griff bekommt. Dies musste insbesondere für die erschwerten Bedingungen gelten, die bei der Rettung eines verunfallten Atemschutzgeräteträgers aus einem Gebäude auftreten. Aus diesem Grund wurde bereits seit 2009 mit einem Schnell-Einsatz-Team geübt. Mit dem Aufkommen entsprechender Überlegungen zum Aufstellen einer Spezialeinheit und dem Bekanntwerden des Konzepts aus Berlin entschied man sich nach einigen Besprechungen im Jahre 2015 zum Aufbau einer A.N.T.S. Die Idee wurde zunächst dem Wehrführerausschuss, dann den Mitgliedern vorgestellt. Als Reaktion auf eine Ausschreibung meldeten sich schließlich 24 Frauen und Männer aus allen drei Standorten. Es folgte im Jahr 2016 ein zeitintensives Training, welches aktuell fortgesetzt und erweitert wird.
Der A.N.T.S. der Berliner Feuerwehr folgend wurden die Ausbildungsinhalte und die Einsatzgeräte in vielen Punkten übernommen. Einige Geräte, wie z.B. das S-Cut Schneidwerkzeug und RespiHood-Rettungshauben, wurden nachträglich eingeführt. Die größte Anschaffung bildeten drei Schleifkorbtragen vom Typ JSA-200® der Firma Junkin Safety, welche über rundumlaufende Griffstangen verfügen. Dieses Modell nutzt auch die A.N.T.S. der Feuerwehr Langen, welche sich ebenfalls im Landkreis Offenbach befindet. Mit der dortigen Einheit wird ein enger Kontakt und Erfahrungsaustausch gepflegt.

Organisation und Einsatzbereitschaft

Den Verantwortlichen wurde schnell bewusst, dass nur ein gemeinsames Gesamtkonzept den erhofften Erfolg bringen kann. So wurden, wie bereits erwähnt, aus allen Standorten die Mitglieder gewonnen. In jedem Standort wurde je ein Löschfahrzeug mit den zusätzlichen Komponenten für die ANTS ausgestattet. Dies umfasst jeweils eine Sicherheitstrupptasche, Schleifkorbtrage, ein Rettungstuch, Brechwerkzeuge, InEar-Kopfhörer, Schlauchpakete C und D, einen Blindenstock, Karabiner, Bandschlingen, weitere Atemschutzgeräte und Wärmebildkamera.
Aufgrund eines Runderlasses des zuständigen hessischen Ministeriums zur Festlegung der Einsatzstichworte und der damit verbundenen Alarm-und Ausrückordnung ist gewährleistet, dass ab einem Gebäudebrand der Größe F3 (Feuer in einem Sondergebäude) alle drei Standortfeuerwehren alarmiert werden. Dadurch ist immer mindestens eines der drei Fahrzeuge an der Einsatzstelle.
Problematischer als die Bereitstellung des Geräts war die Gewährleistung eines ausreichend großen Pools an Personal, welcher nahezu ausschließlich durch ehrenamtliche Kräfte gebildet wird. Indes haben die Erfahrungswerte der Vergangenheit gezeigt, dass bei Alarmierungen ab F3 genügend Kräfte der A.N.T.S. zusammenkommen, um eine geforderte Mindeststärke von sechs Feuerwehrangehörigen zu erreichen. Zur besseren Erkennung wurden die Überjacken aller A.N.T.S.-Mitglieder mit einem gelben Klettschild mit der schwarzen Aufschrift „ANTS Rodgau“ versehen. Eine speziell ausgebildete Führungskraft übernimmt im Einsatzfall die Führung der Einheit und legt nach Rücksprache mit dem jeweiligen Einsatzleiter deren Bereitstellungsplatz fest.
Grundsätzlich besteht jedoch auch schon bei kleineren Lagen, z.B. einem F2 (Gebäudebrand) die Möglichkeit entweder eine A.N.T.S. vor Ort zu bilden oder diese zu alarmieren, wenn aufgrund fehlender Kräfte oder Fahrzeuge keine solche Einheit vor Ort gebildet werden kann.
Alle A.N.T.S.-Mitglieder verfügen über eine zusätzliche Alarmierungsschleife auf ihrem Funkmeldeempfänger und können somit gesondert alarmiert werden. Alle alarmierten Mitglieder finden sich dann zunächst in ihrem Standort ein. Dort wird dann die Besatzung und Auswahl der benötigten Einsatzfahrzeuge von den jeweiligen Standorten vorgenommen.

Überörtlicher Einsatz

Eine weitere Herausforderung bei der Planung, Organisation und Aufstellung war die Überlegung, wie ein Einsatz außerhalb des Stadtgebietes koordiniert werden kann, wenn im günstigsten Falle alle 24 Mitglieder verfügbar sind.
Je nach Einsatzort und Tageszeit besteht die Möglichkeit, dass alle 6 Kräfte in dem Standort zusammenkommen, dessen Fahrzeug auch für den überörtlichen A.N.T.S.-Einsatz eingeplant ist. In diesem Fall stehen die restlichen Kräfte als Pool in Bereitschaft. Ein Einsatzleiter vor Ort kann dann nach Rücksprache mit dem A.N.T.S.-Führer entscheiden, ob er auf diese zusätzlichen Atemschutzgeräteträger zurückgreifen möchte.
Weiterhin ist festgelegt worden, dass das Fahrzeug besetzt wird, welches am nächsten zur anfordernden Kommune stationiert ist. Aus diesem Grund wurde eine Planung für die Nachbarkommunen durchgeführt und für diesen Fall ein entsprechendes Fahrzeug eingeplant. Entsprechend einem Rendezvous-System können dann darüber hinaus, wie im örtlichen Einsatz, weitere oder aber auf dem Löschfahrzeug fehlende Kräfte aus anderen Standorten mit einem Mannschaftstransportfahrzeug nachrücken.

Großübung in der Nachbarkommune

Dass dieses Konzept für einen überörtlichen Einsatz funktioniert, konnten die Verantwortlichen erstmals in einer Praxiserprobung am 27. Juni 2017 feststellen. An diesem Tag fand in Dietzenbach eine größere, unangekündigte Übung statt, zu der die A.N.T.S. Rodgau mitalarmiert wurde. Da kaum einer der Beteiligten vorher hiervon etwas wusste, erwies sich die Aufgabe, sich zu koordinieren und zu sammeln als eine besondere Herausforderung. Zumal die Fahrzeuge im geschlossenen Verband (dieser wurde so von der Einsatzleitung angefordert) zum angegebenen Sammelplatz nach Dietzenbach ausrückten.
Als Übungsszenario war in einem rundumbebauten Wohnkomplex mit großem Innenhof ein Feuer in der Tiefgarage simuliert worden. Die Zugangstreppen zur im zweiten Untergeschoss befindlichen Tiefgarage lagen indes alle im Innenhof, welcher als Grün- und Parkanlage bebaut war und mit Einsatzfahrzeugen nicht befahren werden konnte. Die angenommene Lage beinhaltete ein Fahrzeugbrand mit mehreren, durch Rauchgasintoxikation verletzte Personen. Im Verlauf der Rettungsmaßnahmen kam es dann zu einer Explosion, in deren Folge sechs Einsatzkräfte schwer verletzt wurden. Der Sicherheitstrupp der Feuerwehr Dietzenbach leitete ersten Maßnahmen ein. Im weiteren Verlauf wurden die Rettungsmaßnahmen durch die A.N.T.S. Rodgau unterstützt und schließlich nach und nach abgelöst. Da bereits auf der Anfahrt alle verfügbaren A.N.T.S.-Kräfte aus Rodgau angefordert wurden, konnte vor Ort rasch ein zweites Team agieren. Dies führte wiederum dazu, dass die simulierten „verletzten“ Kräfte trotz fehlender Sicht und der unübersichtlichen Größe des Objektes schnell ausfindig gemacht und gerettet werden konnten.
Zunächst wurde durch ein geordnetes Schlauchmanagement am Zugang zum Innenhof und im weiteren Verlauf dann im unteren Zugang zur Tiefgarage genügend Schlauchmaterial bereitgestellt. Der A.N.T.S.-Führer betrat, ausgerüstet mit einer Wärmebildkamera und einem Blindenstock, die Tiefgarage. Ihm folgten vier weiteren Kräfte mit Schleifkorbtrage, Sicherheitstrupptasche und den mit Wasser gefüllten C-Schläuchen.
Nach und nach konnten so die Verletzten lokalisiert werden. Je nach vorliegendem Verletzungsmuster wurden entsprechende Rettungsmaßnahmen (Luftversorgung sicherstellen, Transportfähigkeit herstellen) eingeleitet. Bedingt durch die Tatsache, dass eine weitere Staffel eingesetzt werden konnte, fand eine zügige Rettung aller Verletzten statt. Da vor Ort nur die Ausrüstung für eine A.N.T.S. vorhanden war, fand eine der Lage entsprechende Koordination beider Staffeln statt. Der Abtransport über zwei Stockwerke durch ein beengtes Treppenhaus stellte alle Kräfte vor eine besondere Herausforderung.
Weitere Einsatzkräfte der Feuerwehr Rodgau wurden nachgefordert und übernahmen die Belüftungsmaßnahmen, welche mittels zweier Elektro-Lüfter durchgeführt wurden.
Der Übungsintensivität der letzten Monate und dem Engagement aller Beteiligten ist es zu verdanken, dass in der anschließenden Abschlussbesprechung keine negativen Punkte aufgezählt werden konnten. Alle Rettungsmaßnahmen verliefen reibungslos.

Fazit

Die frühzeitige Anpassung der Atemschutztechnik und der dazugehörigen Ausbildung, sowie die gesammelten Erfahrungen und durchgeführten Fortbildungen der Atemschutzausbilder haben in Rodgau dazu geführt, eine spezielle Einheit zur Rettung von verunfallten Atemschutzgeräteträgern aufzustellen. Dies geschah unabhängig von der Gründung anderer Einheiten in Deutschland. Das System aus Rodgau zeigt eine von vielen Möglichkeiten und kann gewiss nicht bei jeder Wehr umgesetzt werden. Den verantwortlichen Einsatzleitern steht mit der A.N.T.S. eine Rettungseinheit zur Verfügung, welche durch geschulte Maßnahmen den gewünschten Erfolg bei einem Atemschutznotfall gewährleisten kann. Nach wie vor werden auch in Rodgau die Einsatzgrundsätze der FwDV 7 eingehalten und zunächst immer ein Sicherheitstrupp bereitgestellt.
Bei besonderen und auch größeren Lagen (Lagerhalle, Hochhaus, Tiefgarage) wird dann auf die Atemschutz-Notfall-Trainierte-Staffel zurückgegriffen.
Interessierte Feuerwehren melden sich gerne per Mail an: feuerwehr@rodgau.de


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